Ein musikalischer Blick nach oben…

Datum: Dienstag, 18. Juni 2019, 19.30 Uhr
Ort: Freie Lauenburgische Akademie, Angerhof, Hauptstraße 18d, 21465 Wentorf

Referent: Prof. Dr. Frank Böhme, Hochschule für Musik und Theater Hamburg (HfMT)

Einige Versuche über das irdische Hören astronomischer Zusammenhänge

Als Anstoß, astronomische Zusammenhänge in eine Beziehung zur Musik zu bringen, gilt gemeinhin die rationalistische Weltsicht, dass „Die Welt Zahl ist!“. Damit hat unser Denker auf Samos im 6. Vorchristlichen Jahrhundert auf einen Umstand aufmerksam gemacht, dem eine alltägliche Wahrnehmung zu Grunde liegt. Schnelle Bewegungen von Körpern erzeugen auf der Erde ein Geräusch. Phytagoras schlussfolgerte mit dem Blick nach oben daraus, das massenreichere Körper einen ungleich lauteres Geräusch erzeugen müssten. Die dabei entstehenden Tonhöhen sind nach den damaligen Vorstellungen von den Geschwindigkeiten und von den Abständen zum Weltmittelpunkt abhängig. Um in diesen Gedanken eine Struktur zu bringen, griff er auf die Erfahrungen mit dem Monochord zurück. An dem vermeintlich von ihm erfundenen Instrument entdeckte er die musikalischen Intervalle. Seiner Vermutung nach, sind die Abstände der Planetenbahnen mit den Proportionen eine musikalische Harmonie identisch. Mit diesem Umstand beginnt eine Auseinandersetzung, die noch den barrocken Menschen in Atem hält.

In Kombination mit der Astronomie, lassen sich mehrere Perspektiven von Musik durchspielen. Zum einen wird mit dem arithmetischen Vorstoß ein Musikbegriff etabliert, dem ein sinnlich-klanglicher Bezug fehlt. Dieses Verhältnisdenken ist es dann auch, welche die Musik in den erlauchten Kreis der septem artes liberales bringt. Demgegenüber steht ein Musikbegriff, der sich ausschließliche auf das Hörende konzentriert. Komponisten übersetzen ihren nach oben gerichtetem Blick oder ihre mythischen Vorstellungen in genuin klangliche Erlebnisse. William Herschel, erster Oboist im Orchester am Hanover Square, zeigt seinen berühmten Kollegen Josef Haydn das selbstgebaute Teleskop. Vielleicht hat der Blick in den Nachthimmel Hadyn den Auftrag zu seiner musikalischen Schöpfungsgeschichte erteilt. Jean-Ferry Rebel stellt sich mit seiner 1737 entstandenen Suite „Die Elemente“ in die Reihe derjenigen, deren Gedanken sich um den Urknall drehen. Seine Antwort deckt sich musikalische durchaus mit den heutigen Erkenntnissen: der erste Satz ist mit „La Cahos“ überschrieben. Ein Cluster von Tönen erzeugt ein kakophonisches Chaos. Der im Anschluss folgende Reigen höfischer Tänze dürfte jedoch im wissenschaftlichen Kontext eher zu einem wippenden Fuß als zu einer weiterführenden Erkenntnis führen.

Der Vortrag wird diese Perspektiven verfolgen: Den astronomischen Weiten werden akustisch Räume an die Seite gestellt um sich in der Unendlichkeit besser zurecht zu finden.

Veranstalter: Freie Lauenburgische Akademie für Wissenschaft und Kultur e.V.

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